• Bergrettung OÖ

Lawineninfo 3 2022

Triebschnee auf Altschnee !!

In den Nordhängen wurde der immer noch vorhandene Pulver durch die eisige Nord- und Ostströmung der letzten 2 Wochen in kantige Kristalle umgewandelt. Das nennt man aufbauende Umwandlung und kommt einem Gefriertrocknen gleich, bei dem die Kristalle ihre Bindung zueinander verlieren und eine grießähnliche lose Masse bilden. Die darunter liegenden alten Schneeschichten sind sehr gut miteinander verbunden und haben keine Gleitschichten. Weil die Schneetemperatur vom Untergrund herauf schon recht „warm" geworden ist, musste der geringmächtige, auflagernde Pulverschnee die vollen Minus-Temperaturen abfedern und wurde dabei in Schwimmschnee umgewandelt. Dieser ist kalt, bindungslos, lässt sich nicht zu Schneebällen formen, rieselt zwischen den Fingern durch, ist super zum Abfahren, geht in steileren Hängen nicht gut zum Spuren und bildet für den darauf fallenden Schnee eine sehr ungünstige Gleitschicht. Dieser kantige Gries wird als Altschneeproblem bezeichnet, auch wenn er erst vor 2 Wochen als Neuschnee gefallen ist. Dieses Altschneeproblem gibt es nur in den Schattenhängen! Alle Südhänge haben einen stabilen Schneedeckenaufbau ohne Gleitschichten, sie sind firnig oder verharscht.

Um verfrachtet zu werden, braucht der Grieß viel stärkeren Wind als frischer Pulverschnee. Und genau dieser Wind ist am Freitag den 11. März gekommen, starker Südostwind, der in manchen Messstationen 80 bis 100 km/h, am Ötscher sogar Spitzenböen bis über 120 km/h anzeigte! In manchen Regionen war dieser Wind gar nicht zu spüren, aber in föhnanfälligen Gebieten wie zB. den Haller Mauern und Gosaukamm war er sehr ausgeprägt. Frischer Triebschnee, diesmal nicht aus Neuschnee sondern aus Schwimmschnee, ist von Freitag bis Sonntag (11.-13. März) auf den bereits umgewandelten Pulverschnee, also auf Schwimmschnee abgelagert worden. Feste Schwimmschneepakete auf losen Schwimmschnee ist eine äußerst ungünstige Kombination! Wenn nun alter Grießschnee verfrachtet und abgelagert wird, bildet er meist eine sehr strukturierte Oberfläche, die den Eindruck erwecken, als seien sie alte Einwehungen, die vor vielen Tagen eingeweht wurden und kein Problem mehr bereiten. Die eingewehten Bereiche sind meist nur als kleinräumige Triebschneelinsen ausgebildet.


Lawinenunfall Bärenkar, Hexenturm, Haller Mauern/Nord

Am Sa. 12.3.22 starten zwei Brüder bereits um halb 5 Uhr früh von der Hengstpaßstrasse Richtung Hexenturm ins Bärenkar. So früh deshalb, weil sie vor einem Jahr zu spät dran waren und schon Nassschneelawinen hatten.


Alarmzeichen: föhniger Südwind wirbelt den nur noch an wenigen Stellen vorhandenen verfrachtungsfähigen Schnee auf


In 1100m SH ist die Abzweigung links ins Roßkar, rechts ins Bärenkar. Hier war der herabfallende föhnige Südwind durch starke Böen und Verfrachtungen bereits gut zu erkennen. Etwas oberhalb sahen die Beiden eine ältere Lawine, sodass sie sich auf dem abgegangenen Lawinenfeld und der Lawinenbahn sicher fühlten. Der Aufstieg führt in 1350m aus der Hauptrinne rechts hinaus durch eine 45 Grad steile, nordostgerichtete Seitenrinne, bevor es in 1420m wieder etwas flacher wird und eine Rechtsquerung ins breite Kar führt.

Der 24-jährige ist bei der Querung in 1450m etwa 5 m voraus, als plötzlich der harte Schnee unter ihren Füßen wegbricht. Der Ältere wurde 300 Hm über teilweise felsiges Gelände mitgerissen, aber nicht verschüttet. Dabei erlitt er schwere Verletzungen (beide Schultern luxiert und Lungenquetschung). Trotzdem begann er sofort seinen Bruder mit dem Pieps zu suchen. Sein 21-jähriger Bruder wurde auch mitgerissen, aktivierte den Airbag und konnte sich nach wenigen Metern an einem Busch festhalten, sodass er nicht über den steilen Abbruch stürzte. Er blieb unverletzt. Er zog seine Steigeisen an, nahm Pieps, Schaufel und Sonde, ließ alles andere liegen und stieg so rasch er konnte den steilen Hang hinunter um seinem Bruder zu suchen. Als der Verletzte seinen jüngeren Bruder herunterkommen sah, verließen ihn die Kräfte und sackte zusammen. Er wurde mit dem ÖAMTC-Hubschrauber C99 ins Krankenhaus Kirchdorf geflogen.


FAKTEN:

Nordosthang

Lawinenanriss in 1462m 33T 461234 5277698

Lawinenauslauf in 1137m

35 Grad steil, 20 m unterhalb wird es 45 Grad steil

Hartes Schneebrett

Stabilitätstest: ECT, bereits beim zweiten Schlag abgegangen!

35cm dickes Schneebrett, 30m breit

Der 24-jährige ist bis auf eine Höhe von 1150m mitgerissen worden.


Der Airbag beim Busch von Weitem sichtbar.


An diesem Busch konnte sich der 21-jährige festhalten. Ohne Rucksack und Schier stieg er mit Steigeisen rasch zu seinem Bruder ab


Trinkflasche beim Aufprall am Busch zerbrochen


Gesamtschneehöhe 260cm


35 cm dickes Schneebrett, 30m breit


Auch innerhalb des neuen Triebschneepaketes gibt es mehrere Schwachschichten. Aber am Schlechtesten verbunden ist die Unterseite der harten Triebschneeschicht.


Das Schneeprofil zeigt die extrem weiche Gleitschicht unter der 35 cm dicken sehr festen Schneetafel.


ECT ergab Bruch beim zweiten Schlag!


Der Arirbag und darüber der Anriss


x = Standpunkt der beiden Brüder im Moment des Abganges, o = Verletzter wurde bis dort hin mitgerissen, der Jüngere konnte sich (mit offenen Airbag) beim Busch festhalten


Am gleichen Tag ist ein weiteres Schneebrett direkt neben der Unglückslawine abgegangen


Obere Pfeile: Standort beim Lawinenabgang, Unterer Pfeil: Auffindepunkt des Verletzten.


Bis hier herunter auf 1150m Sh wurde der Verletzte mitgerissen


Weitere Lawinenabgänge am Samstag 12.3.22:

Auf der Bärenalm in Hinterstoder sind am Samstag gegen 14:00 in 1500m Sh zwei Schneebretter nacheinander abgegangen, eine über den Aufstiegsweg zur Bärenalm. Foto Steinmassl Manfred

Ein Schneebrett wurde auch im Schlapfenkar in den Haller Mauern gemeldet. Beachte, wie hoch die Bäume mit Lawinenschnee angepresst wurden! Foto: Christian Holzer



Lawinenreferent der BRD OÖ

Heli Steinmaßl staatlich gepr. Berg+Schiführer Mobil: 0664/9251251 Mail: heli.steinmassl@aon.at