• Bergrettung OÖ

Lawineninfo 2 2022

100 Lawinenabgänge wurden letztes Wochenende in Tirol gemeldet. Die Bergrettung musste zu 70 Lawinenunfällen ausrücken - soviel wie noch nie innerhalb von 2 Tagen. Die traurige Bilanz: 9 Lawinenopfer und ein weiteres Opfer am 8.2. im angrenzenden Südtiroler Langtauferertal.


Vergleichen wir die Lawinengefahr der Länder OÖ und Tirol.

Beide Länder hatten am Fr. u Sa. (4.+5. Feb.) einen 3er. Wie gefährlich ist/war es wirklich? Und was war/ist das Problem?

Am Freitag den 4.2.22 wurde in Oberösterreich genauso wie Tirol von Warnstufe 4 auf 3 gesenkt.

War und ist es bei uns genauso gefährlich wie in Tirol? Oder sind bei uns die Variantenfahrer und Tourengeher vorsichtiger? Letzteres sicher nicht!

Zuerst zur Gefahrenskala: Warum passiert beim 3er am Meisten?

Hier ein Versuch, die 5-teilige Bewertungsskala aus meiner Sicht darzustellen:

Die 3er Stufe umfasst mehr Breite als alle anderen Stufen zusammen. Darum gibt es einen schwachen und einen angespannten 3er.

Der 3er in OÖ war ein schwacher 3er, war somit ganz links angesiedelt, der 3er in Tirol ganz rechts, sehr nahe am 4er, also ein sehr scharfer 3er. "Der totgeile 3er".

Um vom 3er auf einen 4er hoch zu stufen müsste laut Lawinenmatrix folgendes zutreffen: "Spontane, oft auch sehr große Lawinen sind wahrscheinlich. An vielen Steilhängen können Lawinen leicht ausgelöst werden. Fernauslösungen sind typisch. Wummgeräusche und Risse sind häufig."

Der Unterschied zwischen Ost- und Westösterreich liegt rein am Schneedeckenaufbau. Im Osten sind wir begünstigt durch die Wärme- und Regeneinträge zu Weihnachten und Neujahr, die Abkühlung danach hat das alte Fundament stabilisiert. Wir hatten nach jedem Neuschnee entweder Triebschneeproblem oder Graupelschichten. Beides dauerte aber nur 2-3 Tage bis es sich wieder sicher war.

Auch in Tirol ist das Triebschnee- und Graupelproblem vorhanden. Aber in Tirol haben wir noch ein zweites, viel gravierenderes Problem, nämlich einen sehr schlechten Schneedeckenaufbau. Ein schwaches Schneedeckenfundament ist bei uns im Osten nur an wenigen Stellen zu finden, in Tirol fast flächendeckend. Die aufbauend umgewandelten unteren und mittleren Schneeschichten sind benahe in jedem Schneeprofil zu sehen. Schichten mit groben kantigen Formen mit meist 1- 2mm Korngröße (wie grober Kristallzucker) geben eine nicht ausreichende Verbindung zum nächsten Schneepaket.

Unter "Lawis.at" kann man aktuelle Profile aus diesem Winter in von ganz Europa anschauen. Auch unseren jungen Bergführern Robert Kniewasser und Felix Steinmassl sind andauernd bemüht, die schnelle Veränderung innerhalb der Schneedecke mit zu verfolgen und graben immer wieder in die Schneedecke und machen Schneeprofile.

Hier die Zusammenfassung von Felix: Die Schneedecke in OÖ weist im Großen und Ganzen keine großräumig und flächig ausgebildeten Schwachschichten auf. Im Gegensatz zum Westen Österreichs ist die Hauptgefahr bei uns „nur" Triebschnee und entsprechend leichter zu erkennen.

Die dort markant kantig aufgebauten Kristalle in der Altschneedecke sind bei uns nicht in dieser Ausprägung zu finden. In den östlichen Alpen bestehen die Schwachschichten derzeit aus eher kurzweilig aktiven eingeschneiten weicheren Schichten oder Graupel.

Sehr großräumig verteilt findet man bis in mittlere Höhen hinauf jedoch in den unteren Schichten der Altschneedecke oft große Schmelzformen mit nennenswerten Hohlräumen, welche bei Wärme-/Wassereintrag im weiteren Verlauf genau beobachten werden müssen (Gleit- bzw. Grundlawinen).

Fr. 4.2.22 Fließer Berg, Tirol, Samnaun. In dieser Lawine starben 5 Menschen durch Fernauslösung. Die Gruppe fuhr im flachen Teil (Pfeile) mit Abstand zum Hang ab. Foto: Alpinpolizei



Betrachtet man auf dem Bild die relativ gleichmäßigen Anrisshöhen und die weichen Formen bis hinauf zu den Gratrücken, weist das weniger auf Windverfrachtung hin, sondern viel mehr auf eine tiefer liegende Schwachschicht, auf ein Altschneeproblem. Anrisse von eingewehten Brettern sind viel scharfkantiger und geradliniger, nicht so unregelmäßig und gewellt wie im Bild. Das Gewicht des (teilweise eingewehten) Neuschnees wird im Laufe des Schneefalls so groß, dass die Schwachschicht in der Altschneedecke (fast) zusammensackt und die entscheidende Erschütterung bewirkt, dass entweder eine darüberliegende Schwachschicht aktiv wird oder das Schneebrett auf der aufgebaut umgewandelten Schwachschicht abgeht.

Im trockenem Schnee gibt es neben dem Graupel und Grundlawine nur 2 Probleme: Erstens Triebschnee und zweitens Altschnee. Triebschnee (genauso auch Graupel) ist nach wenigen Tagen wieder sicher. Wenn das Altschneeproblem erst einmal entstanden ist, dann bleibt es meist den ganzen Winter gefährlich!

Profilaufnahme Fließer Berg, erstellt von Nairz, Falkeis, Santeler, SH 2240m, Ost



Bruch in der Schwachschicht zwischen 40 und 50cm mit 2mm großen kantigen Formen bei sehr geringer Festigkeit! Kantige Kristallformen entstehen nur in Kältezeiten! Das typische Altschneeproblem.


Eine Gegenüberstellung der Schneeprofile vom Fließerberg Tirol und Schwarzenberg OÖ lässt schon am ersten Blick den Stabilitätsunterschied zwischen Ost und West erkennen. Der Vergleich hinkt vielleicht durch die unterschiedlichen Seehöhen, aber Festigkeitstest in höheren Lagen, auch über 2000m, haben in OÖ sehr gute Festigkeitswerte ergeben.



Riesneralm 8.2.2022 Stmk, Niedere Tauern SH: 1750m, Osthang, 32 - 35 Grad, Grundlawine, Spontanlawine, keine Verschütteten

Da Einfahrtsspuren vorhanden waren, suchten 3 Hubschrauber, 50 Bergretter und 8 Hunde stundenlang nach Verschütteten.





Laut Einheimischen ist hier eine Grundlawine nichts Außergewöhnliches, aber sie kommt an dieser Stelle immer erst viel später im Winter.





Riesige feste Schollen sind hunderte Meter weit hinuntergerutscht.



Die Grundlawine auf der Riesneralm hat ein 150m breites Sekundärbrett ausgelöst. Mich hat am meisten die Schwach- und Gleitschicht des Sekundärbrettes interessiert. Und diese besteht eindeutig aus groben (1,5 - 2mm) kantigen Kristallen. Vermutlich ist diese vor dem großen Schneefall (1.-3. Februar) durch Kälteeinwirkung entstanden. Also auch in den Niederen Tauern haben wir teilweise einen kritischen Schneedeckenaufbau. Auslösbar ist diese Gleitschicht aber vermutlich nur durch (sehr) große Zusatzbelastung.

Ob sich der Schneedeckenaufbau in weiterer Folge auch bei uns ändert oder schlimmstenfalls gar verschlechtert, lässt sich nur schwer einschätzen. Fakt ist aber, dass sich Altschneeprobleme von außen nicht erkennen lassen, auch wenn die Oberfläche noch so stabil und sicher wirkt. Altschneeprobleme entwickeln sich innerhalb der Schneedecke und können somit mit bloßem Auge nicht erkannt werden. Im Gegensatz zum Trieb- oder Gleitschneeproblem. Hier kann der erfahrene Wintersportler offensichtliche Gefahrenzeichen frühzeitig erkennen und notwendige Sicherheitsmaßnahmen treffen.


Um bei diesen komplizierten Vorgängen innerhalb der Schneedecke den Überblick zu behalten und „sicher“ auf Tour unterwegs zu sein, bleiben uns nur daher nur wenige Möglichkeiten:


1.: ständiger Blick auf Wetterdaten (Temperatur, Strahlungsnächte, Luftfeuchtigkeit, Niederschlag etc.) Und

2.: Der Blick in die Schneedecke sowie die Durchführung von Stabilitätstests!

Ist die Schwachschicht dünn (hohes Gefahrenpotential), ist sie beim Profilgraben sehr schwer zuerkennen. Beispiele wie: eingeschneiter Graupel, Oberflächenreif, Wildschnee und in den meisten Fällen eben aufbauende Umwandlung in Form von kantigen Kristallen oder Becherkristallen bestätigen dieses Problem immer wieder. Nur ein Test offenbart uns diese Probleme.


Daher gilt: Nur wenn ich weiß was unterhalb von mir verborgen liegt, kann ich auch einschätzen was mich im schlimmsten Fall erwarten kann.

Jede Entscheidung muss argumentierbar sein.

Reine Gefühlsentscheidungen können im Bezug auf Altschneeprobleme schnell zum Verhängnis werden.


„Denn: Risiko ist nicht gleich Gefahr.

ABER wir müssen die Gefahr erkennen!

UND wir müssen die Konsequenzen kennen.“

(Zitat: Paul Mair)


Robert Kniewasser staatlich gepr. Berg+Schiführer

+43-664-9381966

rkniewasser@petzl.com

Felix Steinmaßl Berg+Schiführer in Ausbildung Mobil: 0699/18255947 Mail: felix.steinmassl@gmail.com

Heli Steinmaßl, Lawinenreferent der BRD OÖ staatlich gepr. Berg+Schiführer Mobil: 0664/9251251 Mail: heli.steinmassl@aon.at