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Lawineninfo 1 2026

  • Autorenbild: Bergrettung OÖ
    Bergrettung OÖ
  • 24. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

von Heli Steinmassl Berg und Schiführer am 23.01.2026


8 Lawinentote an einem Tag - Was ist das Problem?

Wir haben zwei sehr schneearme Winter hinter uns. Dass es noch schlimmer kommen kann, zeigen uns die momentanen Verhältnisse. Kritisch ist die Lage in ganz Österreich. Wir haben wenig Schnee, viele Touren sind gar nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich.

Was ist schuld an der angespannten Lawinensituation? Hatten wir besondere Witterungsverhältnisse? Ist der Klimawandel Schuld? Hatten wir Kältewellen oder Regen bis in große Höhen?


1. Schauen wir uns die Fakten dieses Winters an:

  • Winterbeginn mit ganz wenig Schnee um Mitte November, gerade ausreichend zum Pistengehen

  • es gab zwei Kältewellen: zweite Hälfte im November und erste Hälfte im Jänner

  •  warmer Dezember, kalt in den Tälern aber mild im Gebirge (Inversionslage), südseitig alles geschmolzen

  • am 8. Dezember ließ intensiver Regen bis weit über 2000 m hinauf den Schnee bis auf 1300 m hinauf wegschmelzen.

  • am Samstag den 10.1.26 kam viel Neuschnee mit eisigen Nordwestwind. Sonntag erster schöner Tag mit mehreren Lawinenunfällen in Tirol und Salzburg

  • von Montag 12. auf Dienstag 13.1. hatten wir starken Eisregen, der sich allerdings über 1100 m nur mit einer dünnen Harschkruste auswirkte.


Hier am Beispiel der Messstation Hohe Schrott sehen wir den Temperaturverlauf und Schneezuwachs des bisherigen Winters. Auch die Stationen Loser, Tauplitz, Höss und Frauenkar zeigen einen sehr ähnlichen Verlauf. Die zwei Kältewellen sind eindeutig zu sehen.

Wir wissen: Kälte und geringe Schneemächtigkeit ergibt Schwimmschnee, der Neuschnee wird dabei in grobe kantige verbindungslose Kristalle umgewandelt, das nennt man dann Altschneeproblem. Kälte über mehrere Tage bzw. Wochen hinweg ergibt gefriergetrockneten Schnee, ist also aufbauend umgewandelt, hat große Kristalle und wird auch Tiefenreif bezeichnet. Entweder entsteht er am Boden, innerhalb der Schneedecke oder nahe der Oberfläche, oft unter einer Harschkruste. Das ergibt ein schwaches Schneedeckenfundament.


2.Lawinenunfall auf dem Throneck, Großarl, am Sa. 17.01.2026 mit 4 Todesopfern



Becherförmige Schwimmschneekristalle als Schneedeckenfundament. Gefunden im Unglückshang am Throneck im obersten Anrissbereich des Schneebrettes in 2172 m.


Finsterkopf/Throneck Hüttschlag, 

Großarl Lawine am 17.01.2026 7 Verschüttete, davon 4 tot.

Es war eine geführte Weiterbildung mit erfahrenen Tourenführern des ÖAV zum Thema Notfall Lawine.

Es herrschte Gefahrenstufe 2 mit der Warnung auf neuen Triebschnee durch aufkommenden Südwind und einen Hinweis auf ein bestehendes Altschneeproblem.

Alle 7 wurden verschüttet, einer hatte etwas Helles durchscheinen gesehen, konnte sich selbst befreien, alarmierte die Einsatzkräfte und begann sofort mit der Kameradenrettung.

Sie stiegen nicht über die Tofernalm auf, sondern über die gängige Abfahrtsroute. Meines Wissens hielten sie 10 m Mindestabstand. Ob es eine Fernauslösung der Gruppe selbst, oder ob eventuell einer der zwei unabhängig voneinander oberhalb des Anrisses querenden Tourengeher das Brett auslöste, kann man schwer sagen. Fakt ist, dass 3 m unterhalb der Querungsspur der oberste Anriss lag und dazwischen 2 Risse in der noch hängengebliebenen Schneetafel zu sehen waren. Oben wäre dieser Hang am leichtesten auszulösen.

Die linken vier Verunglückten sind in eine etwa 3 bis 4 m tiefe Geländefalle gepresst worden, sodass einer mit offenen Airbag 2,2 m tief verschüttet wurde. Die drei rechts Verschütteten waren weniger tief verschüttet, weil sie auf einem leichten Geländerücken zu liegen kamen.


Gedanken zum Schneeprofil Throneck:

Betrachtet von unten nach oben:

Die untersten Schichten: Der alte Schnee vom November wurde in der ersten Kältewelle, das war in der zweiten Novemberhälfte, zu extrem großen kantigen Formen, ja zum Teil sogar zu Becherformen umgewandelt.

Die Kristalle am Boden sind loser und größer als die Kristalle unter der Regenkruste. Diese Schicht ist labiler als die eigentliche Gleitschicht, aber weil sie sich am strukturierten Boden besser verzahnen und abstützen kann, ist sie vermutlich nicht abgerutscht.

Die harte Eis/Harschkruste über dem Novemberschnee ist durch den Regen am 8. Dezember entstanden, durch Regen bis weit über 2000 m hinauf. Im weiteren Verlauf haben die intensiven Strahlungsnächte des eher milden Dezembers unter der Regen-Harschkruste das Schwimmschneewachstum gefördert. Eine perfekte Gleitschicht auf einer glatt eingeebneten Schneeoberfläche ist entstanden und hat nur mehr auf eine Neuschneeschicht gewartet.

Die relativ losen Kristalle zwischen der Regenkruste und dem Neuschnee dürfte der Schneefall vom 30.12.25 sein (15 cm Neuschnee). Der hat sich durch die darauffolgenden eiskalten Tage an der Oberfläche schnell zu Schwimmschnee umgewandelt.


Die Neuschneeschicht ist mitsamt der Eislamelle als Schneebrettlawine abgegangen. Das ist ein 35 bis 40 cm fest gebundener Neuschnee der am Sa. den 10.01.26 bei starken Nordwestwind und eisigen Temperaturen gefallen ist. Man sieht innerhalb des Neuschnees mehrere Schichten, die während des


Schneefalls durch eine Abfolge von viel und wenig Wind entstanden sind. Der Wind bzw. windbeeinflusster Schnee spielte bei dem Schneebrett jedoch keinerlei Rolle.

Als oberste Schicht müsste sich eigentlich der Eisregen vom 12. u 13. Jänner zeigen, tut er aber nicht, denn in dieser Höhe hat er sich nur als Schneefall ausgewirkt und dürfte die obersten paar Zentimeter des Neuschnees ausmachen.

Beim Zustieg machte ich 3 Kleine Blocktests (nach Kronthaler), mit Brüchen bei 3, 5 und 14 seitlichen Schlägen. Da ich beim Aufstieg eine alte Spur verwendete, konnte ich natürlich keine Wummgeräusche erzeugen.

Hier die Aufstiegsspur der Gruppe in gelb.

Etwa 10 km gegenüber, beobachtet vom Finsterkopf, konnte ich den Hang mit dem Schneebrett vom Vortag am Schmugglerjoch sehen, bei dem eine Frau in den Schneemassen starb.


Selbst für Experten ist die Gefahreneinschätzung der derzeitigen Lawinenlage äußerst schwierig



3.Lawine Gstemmerzinken am 15.01.2026 Donnersbachwald, Mörsbachhütte.

Ein 57-jähriger Grazer war alleine unterwegs, rief seinen Sohn an, dass er ihn jetzt von der Riesneralm aus 1,5 km Entfernung bei der Abfahrt beobachten könne. Als der 57-jährige den sehr steilen Nordhang des Gstemmerzinken einfur, löste er bereits nach wenigen Schwüngen ein mächtiges Schneebrett. Der Sohn setzte sofort den Notruf auf 140 ab. Das Geschehen wurde von einem zufällig anwesenden Alpinpolizisten beobachtet. Dieser nahm per Funk sofort Kontakt mit dem Hubschrauber, der gerade am Weg durchs Ennstal flog, auf. Dieser flog sofort ins Donnersbachtal und erreichte nach 4 Minuten den Lawinenkegel.

Schon beim Anflug konnten sie ein Piepssignal feststellen und sich bis auf 22 m nähern. 10 Min nach der Verschüttung war der Mann aus 1,5 m Tiefe unverletzt ausgegraben!

Manche haben besondere Schutzengel !!


Ich bin den Aufstiegsweg des Verschütteten zur Gstemmerscharte nachgegangen, es war nur eine Spur von einer Person zu sehen und habe 2 relativ frische, 2-3 Tage alte Schneebretter gesehen, welche dem Grazer am Vortag sicher auch gesehen hat. Ab diesem Punkt habe ich eine sehr sicherheitsbewusst angelegte Aufstiegsspur bis zum flachen Rücken hinauf vorgefunden. Warum er dann bei der Abfahrt diese steile Variante wählte, bleibt natürlich offen.

Beim Aufstieg bin ich hin und wieder aus der Spur gegangen und dabei mehrfach ein Wummgeräusch wahrgenommen.


Das Schneeprofil ist sehr ähnlich mit dem vom Throneck:

Grobkörnige lose Kristalle unterhalb der gebundenen Neuschneeschicht im Übergang zwischen Altschnee und Neuschnee, auch hier ist die Regen-Eiskruste vom 8. Dezember mit abgegangen.


4.Lawine Brunnsteinerkar am So. 18.01.2026, eine Person mitgerissen, keine Verschüttung, keine Verletzung

Am Weg vom Frauenkar zum Schilehrerweg (Richtung Warscheneck) biegt man in einer Höhe von 2000 m links in das Brunnsteinerkar. Dabei kommt man in etwa 2000 m kurz auf die Schattenseite wo in etwa 2050 m das Schneebrett von einem Tourengeher ausgelöst wurde. Die Person unter ihm wurde mehrere Meter mitgerissen aber nicht verschüttet.

Da ich selber nicht vor Ort war, kann ich nur durch Beschreibungen der Beobachter meine Schlüsse ziehen. Hier dürfte die Ursache der frisch eingewehte Triebschnee gewesen sein. Der starke Föhnwind ist in dieser Höhe (über 2000 m) natürlich kalt und kann den teilweise noch vorhandenen losen Pulverschnee in die Leehänge verfrachten.

Unterlagert ist dieser Triebschnee von einer sehr häufig anzutreffenden Oberflächenreifschicht, der in den letzten klaren Nächten entstanden ist.

Diese Reifschicht bietet natürlich eine sehr kritische Gleitschicht.



Fazit:

Der entstandene Schwimmschnee bleibt uns den ganzen Winter erhalten. Am besten, wenn 2 m Schnee drauf fällt, dann würde durch die Druckbelastung die Lage allmählich etwas entschärft und den Schwimmschnee neutralisieren.

Wer in den kommenden Wochen Hänge über 30 Grad betritt, soll in die Schneedecke graben und sich mit Stabilitätstests ein Urteil über die Lawinenlage machen.


Heli Steinmassl Berg und Schiführer

Lawinenreferent der Bergrettung OÖ

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